Mehr Energie dank Hypnose
Zwischen Anspruch und Erschöpfung. Hypnosetherapeutin Gabriela Taugwalder erzählt, wie eine Klientin mit schwerer Kindheit lernte, Grenzen zu setzen.

Christine sitzt mir mit hängenden Schultern gegenüber. «Es ist, als würde meine Energie versickern. Alles fühlt sich so schwer an. Nur schon morgens aufzustehen, kostet mich Kraft.» Medizinisch ist alles unauffällig. Im Gespräch zeigt sich, dass Christines Kindheit geprägt war von einem abwesenden Vater und einer überforderten alleinerziehenden Mutter, die konstant Schonung für sich beanspruchte. Schon als Achtjährige übernahm Christine den Grossteil der Hausarbeiten, erlebte sich als Ursache der Belastung der Mutter und litt unter heftiger Verlustangst. Als Erwachsene tanzt Christine weiterhin nach der Pfeife ihrer Mutter, die auch noch im Altersheim tägliche Telefonate und mehrere Besuche pro Woche einfordert – stets verbunden mit Kritik. Eine neue, anspruchsvolle Stelle in einer Treuhandfirma brachte Christine endgültig an ihre Belastungsgrenze. Sie kann nicht abschalten.
Ziele der Hypnose
Nach einem Gespräch über die Bedeutung von Ernährung, Vitaminversorgung, Bewegung, Schlaf und Sozialkontakten für eine stabile Psyche, definieren wir erste Ziele: deutliche Reduktion der Besuche und Telefonate, Einfordern eines respektvollen Umgangs. Hinzu kommt eine gesunde Abgrenzung gegenüber der Arbeit.
Erste Sitzung: Heilung des inneren Kindes
In Hypnose reist Christine zurück in ihre Kindheit. Als erwachsene Frau begegnet sie ihrem jüngeren Selbst und erklärt ihm kindgerecht, dass die Verantwortung für die Mutter nicht auf Kinderschultern gehört. Gemeinsam schieben sie der imaginierten Mutter einen Korb zu, der mit all dem gefüllt wurde, was Christine als Kind tragen musste. Die Mutter nimmt ihn an, und die Grosse verspricht der Kleinen, künftig verlässlich an ihrer Seite zu stehen und sicherzustellen, dass sie unbeschwert spielen kann. Die Kleine erlebt sichtbar Erleichterung. Anschliessend beobachtet die Erwachsene in einer Zukunftssequenz, wie sie ihrer Mutter ruhig, klar und selbstbewusst begegnet. Ein kurzer Ausflug zu einem Kraftort rundet die Reise ab. Sie verbindet sich mit allem Lebendigen und Schönen und spürt wie die Energie dieses Ortes durch sie fliesst. Mit einem wohligen Strecken und einem Lächeln auf dem Gesicht findet Christine aus der Hypnose.
Zweite Sitzung: Schuldgefühle verabschieden und innere Gelassenheit spüren
Zu Beginn der zweiten Sitzung berichtet Christine von spürbar mehr Energie, aber einem flauen Gefühl im Bauch, sobald sie an die reduzierte Zeit mit ihrer Mutter denke. «Ich bin egoistisch», meint sie. Mit Sätzen, die sie mir nachspricht und die sich an das Unterbewusstsein richten, schmilzt der Wahrheitsgehalt dieses Glaubenssatzes wie Schnee an der Sonne. Ich rate ihr, gelegentlich auftretende Schuldgefühle als Zeichen inneren Wachstums einzuordnen und übe mit ihr klar strukturierte Antworten auf hartnäckige Forderungen der Mutter ein. Zum Schluss versieht sie ihren «inneren Garten» mit einem Zaun, einem abschliessbaren Tor und Bereichen, die nur ihr allein vorbehalten sind und sendet ihrer Mutter gute Wünsche. Mit einem stimmigen Gefühl öffnet Christine ihre Augen.
Dritte Sitzung: Abgrenzung gegenüber der Arbeit
Als erstes lernt Christine Atem- und Klopftechniken für Entspannung im Arbeitsalltag. In Hypnose etablieren wir ein Ritual, in welchem sie die Arbeit beim Verlassen des Unternehmens zurücklässt. Verbunden mit dem Gefühl, «ich habe mein Bestes gegeben und das ist gut genug». Das Geräusch der zufallenden Tür dient hierzu als Anker. Wenn Christine es hört, schliesst sie gelassen den Arbeitstag ab.
Nachklang
Eine Woche später erhalte ich eine Nachricht von Christine:
„Ich wusste gar nicht, dass sich der Herbst wie ein Frühling anfühlen kann. Die Energie hat zu mir zurückgefunden.“
Hier den Artikel aus der Zeitschrift doktor stutz zum nachlesen.